ZB 2 / 2010
Schwerpunkt: Kleinwüchsige Menschen - Im Beruf oft unterschätzt
Schwerpunkt: Kleinwüchsige Menschen - Im Beruf oft unterschätzt

„Ursprünglich wollte ich Medizin studieren“, sagt Silke Schönfleisch-Backofen. Kein ungewöhnlicher Berufswunsch – es sei denn, man ist ungewöhnlich klein. Silke Schönfleisch-Backofen misst gerade mal 114 Zentimeter. Nach dem Abitur erkundigte sich die junge Frau beim zuständigen Ministerium nach der Approbation. „Dort sagte man mir, dass ich die Zulassung für den Arztberuf wegen meiner Behinderung nie erhalten würde. Wenn mir das nicht passe, könne ich sie ja verklagen!“ Daraufhin stand für die heute 38-Jährige fest: „Ich studiere Jura. Und dann werde ich sie irgendwann mal verklagen... Dazu kam es aber nie, weil mir mein Beruf jetzt riesig Spaß macht!“ Silke Schönfleisch-Backofen arbeitet seit acht Jahren als Staatsanwältin am Landgericht Frankfurt am Main, zuständig für Wirtschaftsstrafrecht.*
Schnell übersehen und unterschätzt
„In unserer Gesellschaft ist das Vorurteil weit verbreitet, dass in einem kleinen Körper auch ein kleiner Geist steckt“, sagt Jérôme Ries, Geschäftsführer des BKMF. Daher werde Kleinwüchsigen im Beruf oft von vornherein wesentlich weniger zugetraut als normal großen Menschen, obwohl sie im Durchschnitt sogar höhere Schulabschlüsse und berufliche Qualifikationen vorweisen können.
Zwar ist die Hälfte der vom BKMF Befragten in „Büroberufen“ und im pädagogisch-sozialen Bereich tätig, dennoch gibt es ein weit größeres Berufsspektrum: Menschen mit Kleinwuchs arbeiten als Altenpfleger, Call-center-Agenten, Konditoren, Messtechniker, Ökonomen oder Zollbeamte, um nur einige Beispiele zu nennen. In dieser Bandbreite spiegeln sich auch die enormen Unterschiede wider, was die Schwere der Behinderung angeht: Auf der einen Seite stehen kleinwüchsige Menschen, die vielleicht nur 70 oder 80 Zentimeter groß sind, einen Rollstuhl benötigen und nur über geringe Kraft in den Armen verfügen. Für sie gibt es weitaus weniger Beschäftigungsmöglichkeiten und sie sind stärker auf Unterstützung, etwa durch technische Hilfen, angewiesen.
Klein sein kostet Kraft
Körperliche Überlastung ist oftmals ein Zeichen dafür, dass der Arbeitsplatz nicht behinderungsgerecht angepasst ist. Viele kleinwüchsige Menschen sind es zudem gewohnt, ihre fehlende Körperlänge durch besondere Kraftanstrengungen zu kompensieren. Wo beispielsweise eine normal große Person mit einem Handgriff schwere Aktenstapel in ein hohes Regalfach wuchtet, muss sein kleinwüchsiger Kollege für die gleiche Tätigkeit mehrmals auf eine Leiter steigen. Solche zusätzlichen körperlichen Belastungen führen auf Dauer zu schmerzhaften Verschleißerscheinungen mit weiteren Bewegungseinschränkungen.
In manchen Fällen sind die Betroffenen gezwungen, ihre Arbeit aufzugeben. Eine behinderungsgerechte Gestaltung des Arbeitsplatzes gleicht also nicht nur die geringe Körpergröße aus, sondern sucht nach ergonomischen Lösungen, um die körperlichen Belastungen zu senken und einseitige Bewegungsabläufe zu vermeiden. Einen „Kleinwuchs-Standard“ gibt es dabei nicht. Entscheidend sind die individuellen Bedürfnisse des Betroffenen. Probleme, die bei Kleinwuchs typisch sind, betreffen die Erreichbarkeit in der Höhe, einen verringerten Greifradius, den Umgang mit schweren Lasten und die Bewältigung längerer Wegstrecken.
Ergonomischer Arbeitsplatz
Im Ranking der meist benutzten Hilfsmittel stehen kleinwuchsgerechte Möbel ganz oben: Spezielle Stühle mit angepassten Fußstützen, kürzeren Sitzflächen und höheren Armlehnen fördern eine ergonomische Sitzposition. Schreibtische, die in der Höhe und Neigung elektrisch verstellbar sind, erlauben einen Wechsel zwischen Sitzen und Stehen, was die Hüften entlastet. Dazu kommen Drehsäulen und Paternostersysteme als Alternativen für hohe Regale, tiefer gesetzte Bedienelemente an Maschinen und Mobilitätshilfen wie Rollstuhl oder Elektro-Mobil.
Nach wie vor bestehen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt enorme Hemmnisse, kleinwüchsige Menschen einzustellen. Ihre Arbeitslosenquote wird vom BKMF auf 13 Prozent geschätzt. Die Ausbildung wird tendenziell eher in Betrieben absolviert, aber häufig auch in Berufsbildungswerken, so die Erfahrung der Berater vom BKMF. Statistische Zahlen gibt es aber bisher nicht. Auf jeden Fall ist der Übergang von der Ausbildung in den Beruf schwierig, genauso wie von der Arbeitslosigkeit in das Erwerbsleben. Nachdenklich stimmt auch die Feststellung, dass vor einigen Jahren noch zwischen zehn und 20 Prozent der kleinwüchsigen Menschen als erwerbsunfähig eingestuft waren.
Ganz anders sieht es aus für Betroffene, die eine Beschäftigung haben. Sie sind mit ihrer Arbeit im Allgemeinen sehr zufrieden. Die meisten haben sich im Betrieb auch sozial sehr gut integriert. Jérôme Ries fordert deshalb Arbeitgeber auf: „Geben Sie kleinwüchsigen Menschen eine Chance, ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen!
*Quelle: www.ardmediathek .de (Stichwort-Suche: „Silke Schönfleisch-Backofen“)

„In unserer Gesellschaft ist das Vorurteil weit verbreitet, dass in einem kleinen Körper auch ein kleiner Geist steckt“, sagt Jérôme Ries, Geschäftsführer des BKMF. Daher werde Kleinwüchsigen im Beruf oft von vornherein wesentlich weniger zugetraut als normal großen Menschen, obwohl sie im Durchschnitt sogar höhere Schulabschlüsse und berufliche Qualifikationen vorweisen können.
Zwar ist die Hälfte der vom BKMF Befragten in „Büroberufen“ und im pädagogisch-sozialen Bereich tätig, dennoch gibt es ein weit größeres Berufsspektrum: Menschen mit Kleinwuchs arbeiten als Altenpfleger, Call-center-Agenten, Konditoren, Messtechniker, Ökonomen oder Zollbeamte, um nur einige Beispiele zu nennen. In dieser Bandbreite spiegeln sich auch die enormen Unterschiede wider, was die Schwere der Behinderung angeht: Auf der einen Seite stehen kleinwüchsige Menschen, die vielleicht nur 70 oder 80 Zentimeter groß sind, einen Rollstuhl benötigen und nur über geringe Kraft in den Armen verfügen. Für sie gibt es weitaus weniger Beschäftigungsmöglichkeiten und sie sind stärker auf Unterstützung, etwa durch technische Hilfen, angewiesen.
Klein sein kostet Kraft
Körperliche Überlastung ist oftmals ein Zeichen dafür, dass der Arbeitsplatz nicht behinderungsgerecht angepasst ist. Viele kleinwüchsige Menschen sind es zudem gewohnt, ihre fehlende Körperlänge durch besondere Kraftanstrengungen zu kompensieren. Wo beispielsweise eine normal große Person mit einem Handgriff schwere Aktenstapel in ein hohes Regalfach wuchtet, muss sein kleinwüchsiger Kollege für die gleiche Tätigkeit mehrmals auf eine Leiter steigen. Solche zusätzlichen körperlichen Belastungen führen auf Dauer zu schmerzhaften Verschleißerscheinungen mit weiteren Bewegungseinschränkungen.
In manchen Fällen sind die Betroffenen gezwungen, ihre Arbeit aufzugeben. Eine behinderungsgerechte Gestaltung des Arbeitsplatzes gleicht also nicht nur die geringe Körpergröße aus, sondern sucht nach ergonomischen Lösungen, um die körperlichen Belastungen zu senken und einseitige Bewegungsabläufe zu vermeiden. Einen „Kleinwuchs-Standard“ gibt es dabei nicht. Entscheidend sind die individuellen Bedürfnisse des Betroffenen. Probleme, die bei Kleinwuchs typisch sind, betreffen die Erreichbarkeit in der Höhe, einen verringerten Greifradius, den Umgang mit schweren Lasten und die Bewältigung längerer Wegstrecken.

Im Ranking der meist benutzten Hilfsmittel stehen kleinwuchsgerechte Möbel ganz oben: Spezielle Stühle mit angepassten Fußstützen, kürzeren Sitzflächen und höheren Armlehnen fördern eine ergonomische Sitzposition. Schreibtische, die in der Höhe und Neigung elektrisch verstellbar sind, erlauben einen Wechsel zwischen Sitzen und Stehen, was die Hüften entlastet. Dazu kommen Drehsäulen und Paternostersysteme als Alternativen für hohe Regale, tiefer gesetzte Bedienelemente an Maschinen und Mobilitätshilfen wie Rollstuhl oder Elektro-Mobil.
Nach wie vor bestehen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt enorme Hemmnisse, kleinwüchsige Menschen einzustellen. Ihre Arbeitslosenquote wird vom BKMF auf 13 Prozent geschätzt. Die Ausbildung wird tendenziell eher in Betrieben absolviert, aber häufig auch in Berufsbildungswerken, so die Erfahrung der Berater vom BKMF. Statistische Zahlen gibt es aber bisher nicht. Auf jeden Fall ist der Übergang von der Ausbildung in den Beruf schwierig, genauso wie von der Arbeitslosigkeit in das Erwerbsleben. Nachdenklich stimmt auch die Feststellung, dass vor einigen Jahren noch zwischen zehn und 20 Prozent der kleinwüchsigen Menschen als erwerbsunfähig eingestuft waren.
Ganz anders sieht es aus für Betroffene, die eine Beschäftigung haben. Sie sind mit ihrer Arbeit im Allgemeinen sehr zufrieden. Die meisten haben sich im Betrieb auch sozial sehr gut integriert. Jérôme Ries fordert deshalb Arbeitgeber auf: „Geben Sie kleinwüchsigen Menschen eine Chance, ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen!
*Quelle: www.ardmediathek .de (Stichwort-Suche: „Silke Schönfleisch-Backofen“)
Was ist Kleinwuchs?
Als kleinwüchsig gelten Menschen mit einer Körpergröße zwischen 70 und 150 Zentimetern. In Deutschland leben rund 100.000 Betroffene. Bislang sind 450 verschiedene Kleinwuchsformen bekannt, dazu gehören:
Als kleinwüchsig gelten Menschen mit einer Körpergröße zwischen 70 und 150 Zentimetern. In Deutschland leben rund 100.000 Betroffene. Bislang sind 450 verschiedene Kleinwuchsformen bekannt, dazu gehören:
- Hormonaler Kleinwuchs
… wird verursacht durch einen Mangel an Wachstumshormonen, zum
Beispiel Hormone der Hirnanhangdrüse (Hypophyse), der Schilddrüse oder
der Nebennierenrinden. Der Körperbau ist harmonisch proportioniert.
Betroffene können durch Einnahme von Hormonen eine normale
Körpergröße erreichen. - Achondroplasie
… ist eine genetisch bedingte Störung der Knorpel- und Knochenbildung.
Sie führt zu Auffälligkeiten im Körperbau, zum Beispiel zu verkürzten und
gekrümmten Armen und Beinen. Oft verbunden mit einer Streckhemmung
der Ellenbogen- und Hüftgelenke.
Mehr Informationen
...beim Bundesverband kleinwüchsiger Menschen und ihre Familien (BKMF) im Internet: www.bkmf-netzwerkberuf.de
Dort ist auch die in diesem Beitrag erwähnte Studie mit dem Titel „Kleinwüchsige Menschen in Ausbildung und Beruf“ abrufbar.
...beim Bundesverband kleinwüchsiger Menschen und ihre Familien (BKMF) im Internet: www.bkmf-netzwerkberuf.de
Dort ist auch die in diesem Beitrag erwähnte Studie mit dem Titel „Kleinwüchsige Menschen in Ausbildung und Beruf“ abrufbar.
